Innovationsmanagement: Wer sich nicht ständig neu erfinden kann, verliert.

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Manche Dinge versteht man am besten, wenn man sie selbst erlebt, oder sie sich an Hand eines Beispiels klar macht. So wie das Thema Innovationsmanagement. Dazu folgendes Beispiel: Im Jahr 1988 hatte der IT-Gigant IBM das erfolgreichste Jahr seiner bisherigen Firmengeschichte. 1992, also nur 4 Jahre später, war das Unternehmen so gut wie pleite. Offenbar kann es im Wirtschaftsleben also ausgesprochen schnell gehen, dass  höchst erfolgreiche Unternehmen wirtschaftliche Schwierigkeiten bekommen.  Manchem mag das vorkommen wie aus heiterem Himmel, aber das ist es tatsächlich nicht. Die bewegte Geschichte von IBM ist im Nachhinein durchaus erklärbar.

Die Verantwortlichen bei IBM hatten damals einfach nicht verstanden, dass der gesellschaftliche Fortschritt die Anforderungen an IT grundlegend verändert hat. IT-Unternehmen waren zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr dann erfolgreich waren, wenn sie die beste Technik hergestellt haben, sondern wenn sie die Geschäftsprozesse ihrer Kunden verstanden haben. Dabei ging es zunehmend um Themen wie Produktivität, Flexibilität und Usability. IBM hat diese Trends zunächst verschlafen. Zwar gingen in dieser Zeit zwei Nobelpreise für Physik an das Unternehmen, aber die produzierten „Business Maschinen“ waren nicht mehr in der Lage, die wachsenden Anforderungen ihrer Kunden zu erfüllen. Zu unflexibel und kompliziert waren die produzierten Computer, so dass dem Unternehmen in Scharen die Kunden davonliefen. Gleichzeitig begann der Siegeszug von Microsoft.


„Wir sind heute ein völlig anderes Unternehmen als noch vor 20 Jahren“

Aber was hat das nun mit Innovationsmanagement zu tun? Nun, immer wieder und in allen Branchen gibt es solche gesellschaftlich getriebenen Trendwenden und viele Unternehmer machen dann den Fehler, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren, bzw. auf das, was man am besten kann. Aber genau das ist schließlich der Grund für den Untergang. Unternehmen werden nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn es Ihnen gelingt, sich an die Veränderungen in der Gesellschaft anzupassen, innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und sich unter Umständen völlig neu zu erfinden. Das gelingt aber nur dann, wenn man sich im Unternehmen systematisch mit der Entwicklung und dem Management von Innovationen auseinandersetzt.

IBM hat das nach der Krise unter der Führung eines neuen Chefs geschafft. Das Unternehmen hat einen konsequenten Kurswechsel vollzogen und sich systematisch den neuen Kundenbedürfnissen angepasst. Computer stellt die Firma heute gar nicht mehr her – nur noch bestimmte Serverlösungen, die oft aber auch nicht verkauft, sondern lediglich vermietet werden. Außerdem hat man das Beratungsgeschäft ausgebaut, in dem man die Firma PricewaterhouseCoopers Consulting übernommen hat und eine eigene Beratungsabteilung gegründet hat gegründet hat, die Managementdienstleistungen im IT-Bereich anbietet (IBM Global Technology Services). Außerdem betätigt IBM sich heute auch als Finanzdienstleister, der Unternehmen aktuelle und passgenau Hard- und Software finanziert. Und auch hier wird meistens nicht verkauft sondern verliehen, weil Unternehmen dadurch finanzielle Ressourcen sparen und gleichzeitig immer auf dem aktuellen Stand der Informationstechnologie sind.

Dass die Firma IBM heute also wieder erfolgreich ist und es geschafft hat, die Insolvenz abzuwenden verdankt das Unternehmen der neuen Geschäftsführung, die das Unternehmen in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts komplett auf den Kopf gestellt hat. „Wir sind heute ein völlig anderes Unternehmen als noch vor 20 Jahren und wir werden in einigen Jahren wieder ein ganz anderes Unternehmen sein“, so Moshe Rappoport, der davon überzeugt ist, dass nur diejenigen Unternehmen langfristig erfolgreich sein können, die genauso wandlungsfähig sind wie die Gesellschaft selbst.

Durch die Digitalisierung unserer Welt werden fast alle Unternehmen derzeit vor solche Herausforderungen gestellt. Prof. Marc Drüner von der Steinbeis Hochschule in Berlin ist davon überzeugt, dass es heute fast kein Unternehmen gibt, dass nicht erheblichen Anpassungsbedarf seines Geschäftsmodells durch die Konsequenzen der Digitalisierung hat: „In fast allen Branchen entstehen derzeit völlig neue Ideen und Möglichkeiten, wie man mit Internet, Smartphone und intelligenten Softwarelösungen Geld verdienen kann. Wer da nicht aufpasst, dessen Geschäft wird durch eine dieser Ideen vielleicht von heute auf morgen vom Markt gewischt“.

Das Beispiel IBM zeigt, dass diese Einschätzung durchaus nicht übertrieben ist. Seitdem hat sich die Geschwindigkeit, mit der sich technologische und gesellschaftliche Entwicklungen auf das Wirtschaftsleben auswirken, sogar noch deutlich erhöht. Meistens ist es sogar schon zu spät, wenn man von einem neuen Trend hört, bei dem man noch nicht dabei ist. Gute Unternehmer sind wenigstens „Early Adopter“ solcher Trends und bestenfalls „Trendsetter“. Denn die Entwicklung einer Idee zu einem funktionierenden Geschäftsmodell ist meist anstrengend und erfordert ein planvolles und überlegtes Vorgehen. Die meisten guten Ideen fallen einen nämlich nicht unter der Dusche oder beim Spazierengehen ein, sondern sind das Ergebnis professioneller Managementprozesse.


„Gute Ideen fallen meistens nicht vom Himmel“

Wie solche Managementprozesse funktionieren erklärt Dirk Röhrborn von der Dresdner Softwareschmiede Communardo: „Wir binden alle Mitarbeiter systematisch in unsere Innovationsprozesse ein. Der offen geführte Dialog zu Produktideen und Verbesserungsvorschlägen in Workshops aber vor allem auch im Intranet spielt dabei eine zentrale Rolle“ Tatsächlich sind Unternehmen die so vorgehen deutlich erfolgreicher als Unternehmen, die diese Aufgabe der Forschungs- & Entwicklungsabteilung überlassen. Bestes Beispiel ist die Firma Google. Dort wird jeder Mitarbeiter einen Tag in der Woche komplett von seinen Aufgaben freigestellt, damit er sich mit Kollegen über neue Ideen unterhalten kann, die oft nichts mit seinen eigentlichen Projekten zu tun haben. Google ist so zu einem der innovativsten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt geworden.

„Wir haben dieses Konzept an unsere Bedingungen angepasst. In unseren ‚Open Innovation Days‘ entwickeln unsere Teams aus ersten Ideen zukunftsweisend Produktkonzepte. Gute Ideen fallen nicht vom Himmel oder werden durch ein starres Vorschlagswesen hervorgebracht. Modernes Innovationsmanagement ist vielmehr ein kooperativer Prozess, der die Kreativität von Mitarbeitern, die Expertise externer Partner und das Kalkül erfahrener Unternehmer zusammenbringt“, erläutert Röhrborn.

Eigentlich sind das alles Stärken der mittelständischen Wirtschaft in Deutschland, die es damit in vielen Märkten zur Weltmarktführerschaft gebracht hat. Trotzdem hat die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren in vielen Bereichen den Anschluss verloren. Kaum ein modernes Elektronikprodukt kommt noch aus Deutschland und die Internetökonomie wird von amerikanischen Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook dominiert. Sogar in der Automobilwirtschaft, in der Deutschland bekanntermaßen traditionell besonders stark ist, haben japanische Unternehmen wie Panasonic und Toshiba die Marktführerschaft bei der so wichtigen Zukunftstechnologie „Elektromobilität“ übernommen.

Deutschland hinkt hier, trotz erheblicher staatlicher Subventionen und großer finanzieller Anstrengungen der Industrie, bereits deutlich hinterher. Vielleicht braucht es tatsächlich ein Umdenken, damit auch Deutschland wieder zu einer innovativen Volkswirtschaft wird und im globalen Wettbewerb nicht weiter an Boden verliert. Moshe Rappoport zeigt in seinem Vortag ein Schaubild, das sehr schön zusammenfasst, was erfolgreiche Innovationen ausmacht. Nämlich eine gute Erfindung (Invention) die gleichzeitig auf vorhandene Marktbedürfnisse (Insights) trifft.

Deutschland ist mit Sicherheit ein Land der Erfinder und Ingenieure aber systematische Marktforschung sowie Dienstleistungs- und Kundenorientierung gehören nicht den klassischen Stärken unseres Landes. Vielleicht ist das auch der Grund, warum schon früher große Erfindungen in Deutschland gemacht, aber anderswo erfolgreich wurden. Denken Sie nur an die Erfindung des Telefons durch Philip Reis oder die Erfindung des Computers durch Konrad Zuse. Heute spricht man doch eher von Alexander Graham Bell und Steve Jobs, wenn man an diese Meilensteine der Technikgeschichte denkt.


Innovationen sind Erfindungen, die auf Marktbedürfnisse treffen

Innovationsforschung dürfen Sie nicht allein den Ingenieuren in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen überlassen, weil Sie sonst Produkte an den Marktbedürfnissen vorbei entwickeln. Sie brauchen auch Leute die Ihnen sagen, was die Menschen überhaupt wollen. „Ich halte es übrigens für besonders sinnvoll, auf die Jungen zu hören, denn die bekommen neue gesellschaftliche Entwicklungen oft deutlich schneller mit, als die Manager in den Chefetagen“, so Moshe Rappoport.  Nicht selten sind es auch die jungen Menschen selbst, die technologische Trends anstoßen und vorantrieben. In der IT-Wirtschaft gibt es heute unzählige Startups mit hochinteressanten Projekten, von denen einige das Zeug dazu haben, eine ganz Industrie zu revolutionieren.

Denken Sie zum Beispiel an die Navigationsapp „Waze“ wodurch aktuelle Stau- und Verkehrsleitsysteme unter Umständen obsolet werden. Viele dieser Gründer sind tatsächlich noch Jugendliche und teilweise noch in der Schule. Man kann als gestandenes Unternehmen also eigentlich gar nicht früh genug damit anfangen, junge Menschen ins eigene Innovationsmanagement mit einzubinden und ihn entsprechende Führungspositionen zu bringen.

Für viele deutsche Unternehmen ist diese Sichtweise mit Sicherheit ungewöhnlich. Immerhin ist man vielerorts sehr stolz auf den deutschen Ingenieur und seine Leistungen. Aber die beschriebenen Entwicklungen auf dem Weltmarkt zeigen, dass hinsichtlich der Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen Handlungsbedarf besteht. Innovationen sind die Triebfeder unserer Wirtschaft. Kein Unternehmen kann langfristig überleben, wenn es keine neuen Produkte und Dienstleistungen entwickelt. Wer für sein Unternehmen eine langfristige Perspektive hat, der kommt also nicht daran vorbei, sich Gedanken über ein professionelles Innovationsmanagement zu machen. Als mittelständisches Unternehmen hat man zwar nicht so viel Geld für Forschung & Entwicklung, aber man ist unter Umständen näher dran an den Menschen und Ideen der jungen Generation. Das ist ein Vorteil, aus dem man durchaus Kapital schlagen kann.

Dieser Artikel ist ursprünglich im Kundenmagazin TEAMGEIST der Schneider + Partner GmbH erschienen.

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